Die Realitätsnähe des Stillstands

Die Realitätsnähe des Stillstands
Basis: Österreichische Bevölkerung ab 16 Jahre

Über dem Wohlstand hängt im Empfinden der Bevölkerung ein Damoklesschwert. An der Vorstellung von einem immerwährenden Wachstum nagt bereits der Zweifel. Der Konjunktursensor des IMAS signalisiert Besorgnis.

Die Österreicher haben die Folgen der europäischen Finanzkrise nach eigener Aussage  bisher  per-

sönlich noch wenig zu spüren bekommen und sind, wie das IMAS bereits berichtet hat, mit ihrem Lebensstandard überdies in weit überwiegender Zahl zufrieden.*) Dennoch beginnen sie sich mit der unbequemen Erkenntnis anzu- freunden, dass die wirtschaft-lichen Wachstumsraten der Nachkriegsjahrzehnte vorüber sind und dass die westlichen Gesellschaften ihr Heilsver-sprechen eines immerwährenden Wohlstands nicht länger verwirklichen können. 53 Prozent der Bevölkerung erklärten in einer Anfang Jänner durchgeführten Umfrage, sie würden an die Prognose, wonach wir uns längerfristig   auf  einen  Stillstand,

vielleicht sogar auf einen schrumpfenden Wohlstand einrichten müssen, glauben. Lediglich 22 Prozent halten eine solche Ansicht für Schwarzmalerei.

Besonders glaubwürdig ist die These eines stagnierenden oder sinkenden Wohlstands für die Seniorengeneration, aber auch für die mit dem Wirtschaftsleben am stärksten verflochtenen Personen, nämlich selbstständige Unternehmer in Industrie, Handel oder Gewerbe sowie Angehörige der freien Berufe.

Konjunktursensor meldet Besorgnis
Wie es ansonsten um die Stimmungslage der Österreicher bestellt ist, geht aus dem aktuellen Konjunktursensor des IMAS hervor, einem 1996 entwickelten Messsystem, das auf vier Indikatorfragen beruht:

  • der generellen Zufriedenheit mit der Gegenwart
  • der vermuteten Wirtschaftsentwicklung Österreichs in den nächsten ein, zwei Jahren
  • der Entwicklung des eigenen Lebensstandards im Vergleich zum Vorjahr
  • der vermuteten Entwicklung der persönlichen Lebenslage in den weiteren zwölf Monaten.

 

(Die Verrechnung zu einem aggregierten Wert lautet: positive/negative Items*100.  Daraus  ergibt

sich: Je höher die errechnete Kennzahl, desto zuversichtlicher die Bevölkerung; je niedriger, desto gedrückter.)

Die untersuchten Meinungsreflexe verdichten sich derzeit zu einer Klima-Kennzahl von exakt 59,5 (gerundet 60). Dies ist ein Indexwert, der ein ungemein skeptisches Wirtschaftsgefühl der Bevölkerung verdeutlicht und im Großen und Ganzen den Stimmungslagen entspricht, die das Institut in besonders ungünstigen Konjunkturphasen registrierte. Vor allem liegt er tief unter den optimistischen Stimm-ungslagen, die kurz vor und nach der Jahrhundertwende  beobachtet

werden konnten. Anders als in den  vorangegangenen  krisenhaften  Perioden  wurzelt  die  gegen-

wärtige Bedrückung der Österreicher aber nicht so sehr im praktischen Erleben eines Abschwungs, als vielmehr in der stark ausgeprägten Vermutung eines drohenden Abstiegs. Die wirtschaftliche Gefühlslage der Bevölkerung gleicht insofern ein wenig dem Zittern des Damokles unter dem an einem Pferdehaar befestigten Schwert am Hofe des Dionysos. Die Ergebnisse der vier Indikatorfragen für den Konjunktursensor des IMAS vermitteln im Einzelnen folgende Eindrücke: 31 Prozent der Österreicher betrachten die Gegenwart als eine glückliche, 53 Prozent hingegen als schwierige Zeit. Somit  liegt  das  Lob  für  die

Gegenwart um sechs Prozentpunkte unter der aus 105 früheren Messungen errechneten Benchmark für die Zufriedenheit. Der Tadel übertrifft hingehen um neun Prozentpunkte den Normwert.

22 Prozent der Österreicher meinen, man könne unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beruhigt in

die Zukunft sehen, für 59 Prozent besteht Anlass zur Besorgnis. Dies entspricht ziemlich genau dem seit 1973 beobachteten Durchschnitts-verhalten der Bevölkerung.

53 Prozent der Erwachsenen leben in der Vorstellung, dass sie sich heute weniger leisten können als vor einem Jahr, ähnlich viele (52 Prozent) glauben, sie werden in einem weiteren Jahr weniger Geld zur Verfügung haben als jetzt. An eine Verbesserung oder zumindest an ein Gleichbleiben ihres Lebensstandards im Vergleich zum Vorjahr glauben 40 Prozent, an einen „Status quo plus" ihrer derzeitigen Situation im Hinblick auf  die  unmittelbare  Zukunft  37

Prozent. Finanzpsychologisch ist von Interesse, dass die wirtschaftliche Gefühlswelt der Österreicher einen charakteristischen Widerspruch aufweist. Zum einen tendiert die Bevölkerung zu einer notorisch pessimistischen Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung, zum anderen hat sie im Grunde eine hohe Meinung von ihrem Wohlstand. (Wie aus der vorangegangenen IMAS-Umfrage erinnerlich, sind insgesamt 77 Prozent der Erwachsenen mit dem eigenen Lebensstandard entweder sehr, oder doch einigermaßen zufrieden.)

Noch nicht erlebt hat die heutige Generation in Österreich freilich einen wirklich massiven  und  lang

anhaltenden Absturz der Konjunktur mit drastischen Auswirkungen auf die eigene Lebenslage. Darin lauert eine Gefahr, die der deutsche Gesell-schaftswissenschafter Prof. Meinhard Miegel auf den Punkt brachte: "Keine materiellen Zugewinne zu erzielen, fällt den meisten Menschen schwer. Noch schwerer fällt es ihnen jedoch, Verluste hinzunehmen. Die Kaufkraft ihrer Einkommen, den Wert ihrer Vermögen wollen sie keinesfalls vermindert sehen. Das ist verständlich, aber nicht realistisch."

Eine bange Frage drängt sich auf: Wie  konfliktreich  wird   angesichts

der unvermeidlich harten Sparmaßnahmen hierzulande der kommende Wettstreit um Wohlstand innerhalb der sozialen Gruppen?

 

 

 


*) Siehe IMAS-Report Nr. 27/2011 (Alarm ohne Panik) und Nr. 30/2011 (Fast 5,5 Milliarden wären verkraftbar)

 


Dokumentation

Zeitraum der Umfrage:
14. Dezember 2011 – 02. Januar 2012
Sample:
n=1.002 Personen, statistisch repräsentativ für die österreichische Bevölkerung ab 16 Jahren, Quotaauswahl, face-to-face
Zahl der Interviewer:
100
Archiv-Nummer der Umfrage:
011121